Schneewittchen in Stuttgart
Wer sich in Stuttgart auskennt, wird vielleicht Spaß daran haben, in den vielen, ausführlich geschilderten Verfolgungsjagden des dritten Stuttgart-Jugend-Krimis von Johanna Trommer, „Karl Kessel – Der Schneewittchen-Fall“, die eine oder andere Ecke wiederzuerkennen; für Nicht-Kenner hat die Autorin reichlich Slapstick-Gags eingebaut. Die Geschichte ist an sich schon recht abenteuerlich: Zwei Nachwuchs-Detektive finden ausgerechnet in der Dachbodenkammer, in der sie sich ihr Büro einrichten wollen, die bestens erhaltene mumifizierte Leiche einer hübschen jungen Frau – und kommen ruck-zuck, wenn auch mit Hilfe des Zufalls, dem Täter auf die Spur. Leider endet der Roman in dem Moment, als sie Beweise finden, sehr plötzlich ohne richtige Auflösung mit einem banalen Abspann. Die genüssliche Aufdröselung von Motiven und Schuld, das erlösende Zusammensetzen der Puzzleteile, spart sich die Autorin einfach, nach dem Motto: Der Täter steht ja jetzt fest, den Rest kann sich der Leser selber denken. Ja, natürlich kann der Leser sich das Motiv denken, es gab ja zuvor Andeutungen – aber es wird weder ausgesprochen noch erläutert, und die beiden Nachwuchsdetektive überprüfen ihre Theorie genausowenig wie zuvor die Polizei die ihre. Es sieht ein bisschen so aus, als habe die Autorin am Schluss plötzlich keine Lust mehr auf ihre eigene Geschichte gehabt.
Johanna Trommer: Karl Kessel – Der Schneewittchen-Fall, ab ca. 12 Jahren, Neckarufer Verlag, Taschenbuch, 226 Seiten, 9,95 Euro, ISBN 978-3-9818170-1-0.